Depressionen – Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten

Die Zahlen sind eindeutig: Die Häufigkeit von Depressionen hat in und seit der Pandemie deutlich zugenommen. Schätzungsweise erkranken in Deutschland ungefähr 12 bis 25 Prozent aller Menschen im Laufe ihres Lebens einmal an einer depressiven Episode. Frauen sind dabei doppelt so häufig betroffen wie Männer. Mit steigendem Lebensalter erhöht sich auch die Erkrankungshäufigkeit.

Eine Erkrankung betrifft alle im Lebenssystem: innerhalb der Familie entweder direkt aufgrund einer eigenen Erkrankung (23 Prozent) oder indirekt als Angehörige (37 Prozent); oder beispielsweise am Arbeitsplatz, wo 15 Prozent der Mitarbeitenden einen Suizid oder Suizidversuch im Kolleginnenkreis erlebt haben.

Anzeichen und Symptome
Personen, die an einer Depression erkrankt sind, fühlen sich meist über längere Zeit (mindestens zwei Wochen) bedrückt, niedergeschlagen, Interessenslosigkeit, antriebslos, schneller müde, leiden unter Konzentrationsstörungen oder auch unter Schlafstörungen. Manche Menschen haben damit verbunden einen gesteigerten oder einen verminderten Appetit und/oder ein erhöhtes Schlafbedürfnis. Es können auch körperliche Symptome wie Rücken-, Kopf- und Bauchschmerzen, Verdauungsprobleme, Schwindel und Druckgefühle in Hals und Brust sowie verminderte sexuelle Lust (Libido) oder Potenzstörungen auftreten.

Wegen der Vielfalt der möglichen Symptome und der damit möglicherweise verbundenen Ursachen ist eine sorgfältige ärztliche Abklärung der Beschwerden notwendig, ggf. können weitere Untersuchungen bei Spezialist:innen angebracht sein.

Der Zwei-Fragen-Test
Erste Hinweise auf eine Depression kann ein einfacher Test liefern: der Zwei-Fragen-Test nach Whooley.
  •     Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?
  •     Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?
Wenn Sie beide Fragen mit „Ja“ beantworten, sollten Sie sich Hilfe suchen. Eine erste Anlaufstelle kann ein Gespräch in Ihrer hausärztlichen Praxis sein.

Leider zögern viele Menschen lange, bevor sie sich Hilfe suchen. Nur 32 Prozent aller Betroffenen suchen sich zeitnah Hilfe, über 65 Prozent brauchen länger, bis sie sich professionelle Hilfe suchen – im Schnitt 2,5 Jahre.

Mögliche Ursachen einer Depression
Die Ursachen für Depressionen sind sehr unterschiedlich. Man geht davon aus, dass es ein Zusammenspiel aus biologischen, seelischen und zwischenmenschlichen Faktoren gibt.

Gefährdet sind Menschen, deren Angehörige selbst an einer Depression gelitten haben sowie Patientinnen, die Angehörige mit Suizidversuchen in der Vorgeschichte hatten, aber auch Menschen mit Suchterkrankungen, Menschen mit schweren chronischen körperlichen, neurologischen oder psychischen Erkrankungen sowie Menschen mit belastenden Lebensereignissen in der Vorgeschichte, mit Traumata oder Verlusterfahrung.
 
Bei 60 bis 75 Prozent aller Betroffenen folgt nach einer ersten depressiven Episode mindestens eine weitere (rezidivierende Depression). Bei rezidivierenden Depressionen treten durchschnittlich sechs Episoden über die Gesamtlebensdauer auf.

Depressionen können Menschen in jedem Lebensalter betreffen. Etwas häufiger als im Durchschnitt sind sie in der Altersgruppe der 50- bis 59-Jährigen. Etwas weniger häufig bei Menschen unter 30 und bei Menschen über 70.

Untersuchung und Diagnostik
Zu der Untersuchung und Diagnostik gehört ein ausführliches ärztliches Gespräch, ggf. auch ein Fragenscore zum Ermitteln der Depressionsschwere. Des Weiteren gehört auch eine körperliche Untersuchung dazu. Außerdem kann es in bestimmten Fällen sinnvoll sein, Blut- und Urinwerte zu bestimmen und ein EKG durchzuführen (z. B. bei einer geplanten Behandlung mit Medikamenten).

Behandlungsmöglichkeiten
Generell geht es darum, dass es Betroffenen in der Erkrankung ganzheitlich wieder besser geht, dazu können einige Allgemeinmaßnahmen sehr hilfreich sein: Manchmal ist es erforderlich, die betroffene Person „aus dem Verkehr zu ziehen“, also arbeitsunfähig zu schreiben und erst einmal danach zu suchen, was es an Möglichkeiten aus sich heraus gibt, was früher gut getan hat, das persönliche Hilfesystem zu aktivieren, also Freundinnen und Familie mit ins Boot zu holen. Manchmal wiederum bietet das Belassen im gewohnten Setting, also am Arbeitsplatz eine bessere Tagesstruktur, was dann gegen eine Krankschreibung spräche.

Was können Betroffene selbst tun?
  • Der erste Schritt ist oft der schwerste: Gestehen Sie sich ein, dass Sie Unterstützung brauchen, dass gerade nicht alles im Lot ist. Mit diesem ersten Eingeständnis ist der erste Schritt und damit der entscheidende Schritt getan.
  • Bleiben Sie körperlich aktiv oder nehmen Sie körperliche Aktivitäten wieder auf. Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert die Stimmung und macht emotional stabiler. Entscheidend ist, dass Sie etwas finden, was Sie über längere Zeit regelmäßig ausüben. Überlegen Sie, was Ihnen früher gut getan hat. Bei Aktivitäten im Freien tanken Sie Licht, das hilft zusätzlich. Generell sollten Sie täglich 30 Minuten im Tageslicht verbringen. Bei den körperlichen Aktivitäten geht es nicht darum, dass Sie sich oder anderen beweisen müssen, was Sie alles können, es geht nicht um Leistungssport, sondern um einen vorübergehenden Abschied von der lähmenden Starre auf der Couch.
  • Halten Sie weiter aktiv soziale Kontakte, gehen Sie Ihren Hobbys, Vereins- und Freizeitaktivitäten nach. Das kann im günstigsten Fall zu einer Aufwärtsspirale führen. Einsamkeit verstärkt die Depression und führt damit weiter in eine Abwärtsspirale. Die verbesserte Stimmung weckt Freude an Begegnungen, und diese verbessern weiter die Stimmung. Überfordern Sie sich dabei nicht, es kann auch eine kleine Begegnung  sein, eine Tasse Tee auf der Terrasse, ein Telefonat oder was auch immer: alles ist besser als Einigeln!
  • Fangen Sie an, Glücksmomente zu finden. Mit ein bisschen Aufmerksamkeit kann das wahrgenommene Lächeln oder ein freundliches Wort helfen, im Alltag auch mal einen Lichtblock zu empfinden.
  • Nehmen Sie bei einem Rückfall oder bei Auftreten einer neuen Episode zeitnah ärztliche Hilfe in Anspruch!
  • Achten Sie auf einen regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus.
  • Betäuben Sie sich nicht mit Alkohol, Medikamenten oder Drogen. Deren Entzug kann depressive Symptome verstärken. Sollte bei Ihnen bereits eine Abhängigkeit vorliegen, holen Sie sich Hilfe!
  • Nehmen Sie ärztlich verordnete Medikamente regelmäßig ein und setzen diese nicht ohne Rücksprache ab. Haben Sie Geduld, Antidepressiva sind keine Wundermittel, es dauert durchaus bis zu 14 Tage, bis ein Wirkeintritt zu beobachten und zu spüren ist.
  • Ein plötzliches Weglassen der Medikamente kann zu unangenehmen und manchmal sogar gefährlichen Absetzsymptomen führen. Besprechen Sie mit behandelnden Ärzt:innen, was Sie tun können, wenn Sie die Einnahme einmal vergessen sollten.
Was ist wann zu tun: Welche Verfahren Fachleute empfehlen
  • Leichte Depression: Wenn Sie eine leichte Depression haben, können vielleicht schon einfache Maßnahmen wie beratende Gespräche, Informationen aus Büchern oder Online-Programme ausreichen. Manchmal kann auch eine Psychotherapie ratsam sein. Eine Behandlung mit Antidepressiva sollte nicht als Erstes zum Einsatz kommen, kann jedoch in bestimmten Situationen helfen.
  • Mittelschwere Depression: Hier empfehlen Fachleute zusätzlich zu Selbsthilfe-Maßnahmen entweder eine Psychotherapie oder Antidepressiva. Beide können sehr wahrscheinlich gleich gut helfen. Zusätzlich kann Ihr Arzt oder Ihre Psychotherapeutin Ihnen ein Online-Programm oder eine App anbieten.
  • Schwere Depression: Antidepressiva und Psychotherapie gemeinsam sind hier am wirksamsten. Daher ist diese Kombination bei einer schweren Depression empfehlenswert. Zusätzlich können Online-Angebote die Kombinationsbehandlung unterstützen.
Prognose
Die Prognose im Hinblick auf die einzelne depressive Episode ist in der Regel gut: Bei entsprechender Behandlung ist davon auszugehen, dass bei 60 bis 80 Prozent der erkrankten Personen innerhalb von 6 Wochen eine deutliche Besserung der Symptome eintritt. Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen kommt es im weiteren Verlauf des Lebens zu erneuten depressiven Episoden. Je schwerer die Depression, desto schlechter ist die Prognose.

Die Prognose ist bei älteren Menschen mit wiederkehrenden oder chronischen Depressionen besonders ungünstig. Bei depressiven Personen besteht eine erhöhte Sterblichkeit infolge von Suizid, Unfällen, Herzkrankheiten, Atemwegserkrankungen und Schlaganfällen. Es besteht ein erhöhtes Risiko, Alkohol- oder Drogenprobleme zu entwickeln.

Hilfsangebote

Auf folgenden Internetseiten finden Betroffene Informationen und Hilfsangebote:
Telefon-Hotlines
  • Info-Telefon Depression: Hotline kostenfrei unter 0800 3344 533. Bietet krankheits- und behandlungsbezogene Informationen und Anlaufstellen im Versorgungssystem. Sprechzeiten sind Mo, Di, Do 13.00–17.00 Uhr, Mi, Fr 8.30–12.30 Uhr.
  • Telefonseelsorge: kostenfreie Hotline ist über die Telefonnummern 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 und 116 123 erreichbar.
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